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Die ersten 1000 Tage

  • Autorenbild: Daniela Schramm
    Daniela Schramm
  • 30. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Wie Schwangerschaft, Geburt und Stillen das Risiko für Übergewicht beeinflussen können


"Kann Stillen wirklich das Risiko für Übergewicht senken?"

Diese Frage bekomme ich immer wieder gestellt.

Die Antwort lautet: Ja – wahrscheinlich deutlich stärker, als wir noch vor wenigen Jahren angenommen haben.


Auf dem EISL-Stillkongress am 26. Juni 2026 stellte Professor Dr. Bodo Melnik aktuelle Forschungsergebnisse vor, die zeigen, dass Stillen weit mehr ist als Ernährung. Muttermilch scheint den Stoffwechsel des Kindes bereits in den ersten Lebenstagen auf zellulärer Ebene mitzugestalten und damit möglicherweise das Risiko für Übergewicht und Diabetes im späteren Leben zu beeinflussen.


Die ersten 1000 Tage sind entscheidend


Die Zeit von der Schwangerschaft bis etwa zum zweiten Geburtstag wird heute als "die ersten 1000 Tage" bezeichnet.

In dieser Phase entwickeln sich Organe, Stoffwechsel, Immunsystem und Darm besonders intensiv. Viele Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass in dieser Zeit eine Art "Programmierung" stattfindet, die den Menschen ein Leben lang begleitet.

Natürlich entscheidet nicht ein einzelner Faktor darüber, ob ein Kind später übergewichtig wird. Bewegung, Ernährung, Schlaf, Gene und Lebensstil spielen ebenfalls eine große Rolle.

Aber die Forschung zeigt immer deutlicher:

Schon sehr frühe Einflüsse können die Richtung vorgeben.


Drei Faktoren scheinen das Risiko gemeinsam zu erhöhen


Professor Melnik beschreibt eine Kombination von drei Einflüssen, die sich gegenseitig verstärken können:

  • Übergewicht bzw. starke Gewichtszunahme der Mutter während der Schwangerschaft

  • Kaiserschnittgeburt

  • Ernährung mit Säuglingsformula anstelle von Muttermilch

Jeder dieser Faktoren für sich wurde bereits in vielen Studien mit einem erhöhten Risiko für späteres Übergewicht in Verbindung gebracht. Besonders interessant ist jedoch die Annahme, dass sie sich gegenseitig verstärken könnten, weil sie ähnliche biologische Signalwege beeinflussen.


Was passiert dabei eigentlich?


Unser Körper besteht aus Milliarden von Zellen.

Ein kleiner Teil davon sind sogenannte Stammzellen. Sie besitzen die Fähigkeit, sich in unterschiedliche Zelltypen weiterzuentwickeln.

Während der frühen Entwicklung entscheidet der Körper ständig:

  • Soll aus einer Stammzelle eher Fettgewebe entstehen?

  • Oder Knochen?

  • Oder Muskelgewebe?

  • Oder andere spezialisierte Zellen?

Diese Entscheidungen werden über komplizierte Botenstoffe und Signalwege gesteuert.

Einer dieser Signalwege heißt Wnt-Signalweg.

Nach den aktuellen Arbeiten von Professor Melnik scheint Muttermilch diesen Signalweg auf natürliche Weise zu unterstützen, während mehrere ungünstige perinatale Einflüsse seine Aktivität abschwächen können. Dadurch könnte sich langfristig eine erhöhte Bereitschaft zur Bildung von Fettzellen entwickeln. Diese Hypothese wird derzeit intensiv erforscht.


Warum spielt der Darm dabei eine so große Rolle?


Der Darm ist weit mehr als ein Verdauungsorgan.

Er ist ein wichtiges Stoffwechsel- und Immunorgan und produziert zahlreiche Hormone.

Muttermilch unterstützt nach aktuellen Untersuchungen die Reifung der Darmzellen sowie den Aufbau einer gesunden Darmflora.

Besonders wichtig sind dabei:

  • Human Milk Oligosaccharide (HMOs)

  • Exosomen

  • zahlreiche weitere bioaktive Bestandteile der Muttermilch

Sie fördern unter anderem das Wachstum von Bifidobakterien, die wiederum Stoffe produzieren, welche die Entwicklung gesunder Darmstammzellen unterstützen. Formula kann diese komplexe Zusammensetzung bislang nicht vollständig nachbilden.


Das Sättigungsgefühl beginnt möglicherweise schon im Säuglingsalter


Ein weiterer spannender Aspekt betrifft das Hormon GLP-1.

Viele kennen GLP-1 heute aus der Behandlung von Diabetes oder Adipositas.

Dieses Hormon sorgt unter anderem dafür,

  • dass wir schneller satt werden,

  • der Blutzucker besser reguliert wird,

  • und weniger neue Fettzellen entstehen.

Professor Melnik beschreibt Zusammenhänge, nach denen Muttermilch die Entwicklung jener Darmzellen unterstützt, die später GLP-1 bilden. Formula scheint diesen Prozess weniger stark zu fördern. Auch hierzu laufen aktuell zahlreiche Forschungsarbeiten.


Kaiserschnitt bedeutet nicht automatisch ein erhöhtes Risiko


Ganz wichtig ist mir an dieser Stelle:

Eltern sollen aus diesen Erkenntnissen keine Schuldgefühle entwickeln.

Viele Kaiserschnitte retten Leben.

Wenn ein Kaiserschnitt medizinisch notwendig ist, ist er selbstverständlich die richtige Entscheidung.

Dennoch zeigen viele Studien, dass Kinder nach einer Sectio häufig eine andere frühe Darmbesiedlung entwickeln. Dies könnte unter anderem mit dem später leicht erhöhten Risiko für Übergewicht zusammenhängen.

Die gute Nachricht:

Gerade hier kann Stillen vermutlich einen wichtigen ausgleichenden Effekt haben, indem es den Aufbau einer günstigen Darmflora unterstützt.


Was können werdende Eltern selbst beeinflussen?


Die gute Nachricht lautet:

Nicht alles ist genetisch festgelegt.

Viele Faktoren lassen sich bereits in der Schwangerschaft positiv beeinflussen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • eine ausgewogene Ernährung,

  • regelmäßige Bewegung,

  • eine angemessene Gewichtszunahme während der Schwangerschaft,

  • eine gute Geburtsvorbereitung,

  • und vor allem eine sorgfältige Vorbereitung auf das Stillen.

Gerade der Stillstart entscheidet häufig darüber, ob das Stillen langfristig gelingt.


Stillen beginnt nicht erst nach der Geburt


Viele Eltern investieren viel Zeit in die Geburtsvorbereitung.

Für das Stillen bleibt dagegen oft kaum Raum.

Dabei zeigen sowohl wissenschaftliche Untersuchungen als auch meine tägliche Arbeit in der Stillberatung:

Die ersten Stunden nach der Geburt und die ersten zwei Wochen sind entscheidend für den weiteren Stillverlauf.

Wer bereits vor der Geburt weiß,

  • wie Milchbildung funktioniert,

  • worauf beim Anlegen zu achten ist,

  • welche Schwierigkeiten auftreten können,

  • und wann Hilfe sinnvoll ist,

geht deutlich sicherer in diese besondere Zeit.


Ich glaube tatsächlich, dass wir hier gerade an einem Paradigmenwechsel stehen.

Lange Zeit haben wir Muttermilch vor allem als Nahrungsmittel betrachtet: Proteine, Fette, Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralstoffe.

Heute zeichnet sich immer deutlicher ein ganz anderes Bild ab:

Muttermilch ist kein Lebensmittel im klassischen Sinn. Sie ist ein biologisches Kommunikationssystem zwischen Mutter und Kind.

Muttermilch – viel mehr als Nahrung: Die Sprache zwischen Mutter und Kind


Noch vor wenigen Jahren glaubte man, Muttermilch versorge Babys hauptsächlich mit Energie und Nährstoffen.

Heute wissen wir:

Muttermilch enthält tausende biologisch aktive Bestandteile, die dem Körper des Babys Informationen übermitteln.

Professor Bodo Melnik beschreibt Muttermilch deshalb nicht nur als Nahrung, sondern als ein hochkomplexes epigenetisches Signalsystem, das die Entwicklung des kindlichen Organismus aktiv mitsteuert.


Stell dir vor, jede Stillmahlzeit wäre eine kleine Nachricht an den Körper deines Babys


Nicht nur der Magen bekommt etwas zu essen.

Auch Millionen Zellen erhalten gewissermaßen eine Information:

"So darfst du wachsen." "So entwickelt sich dein Darm." "So reift dein Immunsystem." "So lernst du später, Hunger und Sättigung wahrzunehmen."

Diese Informationen werden über winzige biologische Botenstoffe übertragen.

Und genau diese faszinieren die Wissenschaft momentan besonders.


Exosomen – die kleinen Briefumschläge der Natur


In der Muttermilch befinden sich Milliarden winziger Bläschen.

Sie heißen Exosomen.

Man kann sie sich wie winzige Briefumschläge vorstellen.

In jedem dieser "Briefe" befinden sich Informationen, die von den Zellen der Mutter stammen.

Das Erstaunliche daran:

Diese Exosomen überstehen offenbar die Verdauung des Säuglings weitgehend unbeschadet und können von Darmzellen aufgenommen werden. Dort beeinflussen sie Zellreifung, Darmbarriere und vermutlich auch weitere Entwicklungsprozesse.


Die Baupläne darin heißen Mikro-RNAs


Noch spannender wird es beim Inhalt dieser kleinen Briefumschläge.

Sie enthalten sogenannte Mikro-RNAs.

Das sind keine Gene.

Und sie verändern auch nicht die Gene.

Vielmehr entscheiden sie darüber,

welche Gene gerade aktiv sind – und welche nicht.

Man kann sich das vorstellen wie Lichtschalter in einem Haus.

Alle Räume sind vorhanden.

Aber nicht überall brennt gleichzeitig das Licht.

Mikro-RNAs helfen dabei, die richtigen "Schalter" zur richtigen Zeit ein- oder auszuschalten.

Genau das bezeichnet man als epigenetische Regulation.


Deshalb spricht man heute von Programmierung


Früher dachte man:

Gene bestimmen alles.

Heute wissen wir:

Die Umwelt entscheidet mit darüber, wie Gene genutzt werden.

Gerade in den ersten Lebensmonaten reagieren Stammzellen besonders empfindlich auf solche Signale.

Professor Melnik geht davon aus, dass Muttermilch über Exosomen und Mikro-RNAs genau in dieser sensiblen Entwicklungsphase wichtige biologische Informationen liefert, die das Wachstum von Darm, Stoffwechsel und hormonellen Regulationssystemen unterstützen.


Warum Formula diese Aufgabe nur teilweise übernehmen kann


Säuglingsnahrung liefert selbstverständlich Energie und alle notwendigen Nährstoffe. Sie rettet Leben, wenn Stillen nicht möglich ist.

Aber:

Muttermilch ist ein lebendes biologisches System.

Sie enthält unter anderem:

  • lebende Immunzellen,

  • Antikörper,

  • Enzyme,

  • Hormone,

  • Wachstumsfaktoren,

  • Human Milk Oligosaccharide (HMOs),

  • Exosomen,

  • zahlreiche Mikro-RNAs.

Viele dieser Bestandteile fehlen in Säuglingsformula oder sind dort nur in deutlich geringerer Konzentration vorhanden. Deshalb gehen Forschende davon aus, dass bestimmte Signalwege – etwa der Wnt-Signalweg – durch Muttermilch stärker unterstützt werden als durch Formula.


Das verändert unseren Blick auf das Stillen


Vielleicht sollten wir Stillen künftig gar nicht mehr nur als Ernährung betrachten.

Sondern als die erste Form biologischer Kommunikation zwischen Mutter und Kind.

Jede Stillmahlzeit liefert nicht nur Kalorien.

Sie liefert Informationen.

Informationen darüber,

wie Darmzellen reifen,

wie das Immunsystem lernt,

wie Stoffwechselprozesse reguliert werden

und möglicherweise sogar, wie sich das Risiko für spätere Erkrankungen entwickelt.

Viele dieser Mechanismen werden derzeit intensiv erforscht. Die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend, auch wenn längst nicht alle Zusammenhänge abschließend geklärt sind.


💗 Meine persönliche Botschaft an werdende Eltern


Als Stillberaterin wünsche ich mir, dass Eltern mit diesem Wissen keinen Druck, sondern Sicherheit gewinnen.

Nicht jede Geburt verläuft wie geplant.

Nicht jede Mutter kann ausschließlich stillen.

Und manchmal braucht es medizinische Unterstützung.

Darum geht es nicht.

Es geht darum, dass werdende Eltern verstehen, welch große Bedeutung die ersten Tage nach der Geburt haben – und dass sie sich darauf genauso sorgfältig vorbereiten dürfen wie auf die Geburt selbst.

Denn Stillen beginnt nicht erst, wenn dein Baby geboren ist.

Stillen beginnt mit Wissen.


Mein Fazit


Die aktuelle Forschung macht deutlich:

Stillen ist weit mehr als Ernährung.

Muttermilch liefert nicht nur Energie und Nährstoffe, sondern enthält zahlreiche biologische Signale, die die Entwicklung des Darms, des Stoffwechsels und möglicherweise sogar die spätere Fettzellbildung beeinflussen können. Viele der beschriebenen Mechanismen – etwa über Wnt-Signalwege, GLP-1 und die Darmmikrobiota – sind Gegenstand intensiver Forschung und liefern eine plausible Erklärung dafür, warum gestillte Kinder im Durchschnitt ein geringeres Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes haben. Gleichzeitig gilt: Das individuelle Risiko eines Kindes wird von vielen Faktoren bestimmt. Die vorgestellten Zusammenhänge sind vielversprechend, erlauben aber keine Vorhersage für den Einzelfall.

Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, Familien nicht erst dann zu begleiten, wenn Schwierigkeiten auftreten.


Eine gute Stillvorbereitung ist Gesundheitsvorsorge.

Wenn du dich bereits in der Schwangerschaft auf das Stillen vorbereiten möchtest oder nach der Geburt Unterstützung brauchst, begleite ich dich gerne mit meiner Stillvorbereitung und individuellen Stillberatung – damit ihr einen guten Start in diese wichtige gemeinsame Zeit habt.



 
 
 

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