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Wenn das Weinen nicht aufhört...

  • Autorenbild: Daniela Schramm
    Daniela Schramm
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 13 Stunden

Was Eltern von Schreibabys wirklich erleben


Es beginnt oft leise – und wird dann immer lauter. Nicht nur das Weinen des Babys, sondern auch die innere Anspannung, die Erschöpfung, die Zweifel. Eltern von sogenannten Schreibabys befinden sich häufig in einer Ausnahmesituation, die von außen schwer nachvollziehbar ist.


„Alle Babys weinen doch“ – dieser Satz fällt schnell. Doch was diese Familien erleben, geht weit darüber hinaus.


Dieser Artikel möchte einordnen, erklären und vor allem entlasten. Fachlich fundiert, beziehungsorientiert und mit einem liebevollen Blick auf Eltern und Kind.


Ab wann spricht man eigentlich von einem Schreibaby?


In der Fachwelt wird häufig die sogenannte Dreier-Regel nach Wessel herangezogen. Demnach gilt ein Säugling als Schreibaby, wenn:


  • das Baby mehr als 3 Stunden pro Tag schreit

  • an mehr als 3 Tagen pro Woche

  • über einen Zeitraum von mehr als 3 Wochen


Typischerweise tritt dieses anhaltende Schreien in den ersten Lebensmonaten auf, oft beginnend ab der zweiten bis dritten Lebenswoche. Wichtig: Diese Kriterien sind eine Orientierung, kein Stempel. Für Eltern fühlt sich die Belastung oft schon lange vorher existenziell an.


Mögliche Ursachen – warum manche Babys so viel schreien


Es gibt nicht die eine Ursache. Vielmehr handelt es sich fast immer um ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Genau deshalb braucht es einen ganzheitlichen, körper- und beziehungsorientierten Blick.


1. Erfahrungen aus Schwangerschaft und Geburt


  • hohe Stressbelastung in der Schwangerschaft

  • medizinische Interventionen

  • schnelle, sehr lange oder sehr belastende Geburten

  • Kaiserschnitt oder operative Entbindungen


Diese frühen Erfahrungen können sich im Nervensystem des Babys niederschlagen. Manche Kinder kommen hochsensibel, reizoffen oder innerlich „unter Strom“ auf die Welt.


2. Körperliche Faktoren beim Baby


  • Spannungen im Körper, z. B. nach der Geburt

  • unreife Regulationsmechanismen

  • Schwierigkeiten bei der Selbstberuhigung

  • Verdauungsprobleme als Folge, nicht als Hauptursache


Wichtig: Das Schreien ist meist kein Trotz, sondern ein Ausdruck von Überforderung.


3. Familiäre und emotionale Dynamiken


  • erschöpfte Eltern

  • eigene unverarbeitete Geburtserfahrungen

  • wenig Unterstützung im Umfeld

  • hohe Erwartungen an sich selbst


Babys sind feinfühlig. Sie reagieren auf das emotionale Klima – nicht als Schuldzuweisung, sondern als Resonanz.


Wie körperorientierte Krisenbegleitung unterstützen kann


In der körperorientierten Krisenbegleitung nach Paula Diederichs steht nicht das „Abgewöhnen“ des Weinens im Vordergrund, sondern das Verstehen und Regulieren.


Zentrale Elemente sind:

👐 Co-Regulation statt Beruhigungstechniken

Das Baby wird nicht „ruhig gemacht“, sondern in seinem Erleben begleitet. Eltern lernen, wie sie Halt geben können – körperlich, emotional und nervlich.

🤍 Beziehung vor Methode

Die Beziehung zwischen Eltern und Baby ist der wichtigste Wirkfaktor. Kleine, fein abgestimmte Veränderungen haben oft große Wirkung.

🌿 Wahrnehmung und Entlastung der Eltern

Eltern werden gesehen – mit ihrer Erschöpfung, ihren Ängsten, ihrer Hilflosigkeit. Allein das kann bereits entlastend wirken und neue Handlungsspielräume eröffnen.

🌱 Arbeit mit Körper, Atem und Nähe

  • haltgebende Berührungen

  • langsame, rhythmische Bewegungen

  • bewusstes Atmen der Eltern

  • Förderung von Sicherheit und Orientierung


Nicht das Baby muss „funktionieren“. Das Nervensystem darf sich Schritt für Schritt entspannen – auf beiden Seiten.


Warum Außenstehende das oft nicht verstehen


Ein schreiendes Baby wirkt nach außen manchmal „ganz normal“. Was jedoch unsichtbar bleibt:

  • der dauerhafte Schlafmangel

  • die fehlenden Erholungsphasen

  • das Gefühl, nie etwas „richtig“ zu machen

  • die Angst, dem eigenen Kind nicht helfen zu können


Eltern von Schreibbabys stehen häufig unter massivem Druck – und fühlen sich gleichzeitig allein gelassen. Dabei braucht es gerade hier Verständnis, fachliche Begleitung und echte Unterstützung.


Perspektive: Schreibaby-Ambulanz im Landkreis Teltow-Fläming


Aktuell wird ein Antrag zur Einrichtung einer Schreibaby-Ambulanz im Landkreis Teltow-Fläming vorbereitet. Ziel ist es, Familien frühzeitig, niedrigschwellig und fachlich fundiert begleiten zu können.

Wenn die Finanzierung erfolgreich umgesetzt werden kann, wird es voraussichtlich sehr bald ein regionales Unterstützungsangebot für betroffene Eltern und Babys geben. Ein wichtiger Schritt, um Familien in dieser sensiblen Phase nicht allein zu lassen.


Zum Schluss – eine leise, wichtige Botschaft


Wenn dein Baby viel schreit, bist du nicht gescheitert. Wenn du erschöpft bist, bist du nicht schwach. Und wenn du Unterstützung brauchst, ist das ein Zeichen von Verantwortung – nicht von Versagen.


Du musst diesen Weg nicht allein gehen.


📝 Kleine Checkliste für betroffene Eltern

  • ☐ Mein Baby schreit häufig und anhaltend – ich nehme das ernst

  • ☐ Ich erlaube mir, erschöpft zu sein

  • ☐ Ich suche mir fachliche Unterstützung

  • ☐ Ich achte auch auf meine eigenen Bedürfnisse

  • ☐ Ich weiß: Das Schreien hat Gründe – und Lösungen brauchen Zeit



 
 
 

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