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Blogreihe: Erst Wurzeln, dann Flügel

  • Autorenbild: Daniela Schramm
    Daniela Schramm
  • 26. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Teil 2: Warum Babys nicht schreien, um zu manipulieren – das unreife Nervensystem und die Bedeutung der Co-Regulation


"Wenn ich mein Baby jedes Mal hochnehme, verwöhne ich es doch."


Kaum ein Satz hält sich so hartnäckig wie dieser. Und kaum ein Satz verunsichert frischgebackene Eltern so sehr.

Vielleicht kennst Du das auch: Dein Baby möchte ständig auf den Arm, schläft nur mit Körperkontakt ein oder beginnt sofort zu weinen, sobald Du es ablegst. Schnell kommen Zweifel auf: Mache ich etwas falsch? Muss mein Baby lernen, alleine zur Ruhe zu kommen?


Die Antwort lautet ganz klar: Nein.


Denn Babys schreien nicht, um ihre Eltern zu manipulieren. Sie schreien, weil sie es im Moment nicht anders können.


Ein Baby hat noch keine Selbstregulation


Wenn Erwachsene gestresst sind, können sie tief durchatmen, spazieren gehen, jemanden anrufen oder bewusst entspannen.

Ein Neugeborenes besitzt all diese Fähigkeiten noch nicht.

Das Gehirn eines Babys befindet sich in einer unglaublichen Entwicklungsphase. Besonders der Bereich, der später für Impulskontrolle, Emotionsregulation und Selbstberuhigung verantwortlich ist – der präfrontale Cortex – ist noch lange nicht ausgereift.

Das bedeutet:

Ein Baby kann starke Gefühle nicht alleine regulieren.

Es braucht dafür das Nervensystem eines Erwachsenen.


Das Nervensystem arbeitet von Anfang an im Team


Schon während der Schwangerschaft reguliert die Mutter nahezu alle wichtigen Körperfunktionen des Kindes mit.

Nach der Geburt verändert sich vieles – aber eines bleibt gleich:

Babys sind weiterhin auf Regulation von außen angewiesen.

Wenn Du Dein Baby auf den Arm nimmst, ruhig mit ihm sprichst oder es sanft wiegst, passiert weit mehr als nur Trost.

Dein Nervensystem hilft dem Nervensystem Deines Kindes dabei,

  • den Herzschlag zu beruhigen,

  • Stresshormone abzubauen,

  • die Atmung zu regulieren,

  • Sicherheit wahrzunehmen.

Dieses gemeinsame Regulieren nennt man Co-Regulation.

Sie ist kein Erziehungsstil.

Sie ist Biologie.


Warum Weinen überhaupt entsteht


Weinen ist die einzige Sprache, die ein Baby am Anfang besitzt.

Es signalisiert damit:

  • Ich habe Hunger.

  • Ich bin müde.

  • Mir ist kalt oder zu warm.

  • Ich brauche Nähe.

  • Mir ist alles zu viel.

  • Ich erschrecke mich.

  • Ich brauche Hilfe.

Nicht selten kommen mehrere Bedürfnisse gleichzeitig zusammen.

Vor allem in den ersten Lebensmonaten ist das Nervensystem noch sehr empfindlich gegenüber Reizen. Licht, Geräusche, viele Besucher oder ein aufregender Tag können dazu führen, dass Babys scheinbar "grundlos" weinen.

In Wirklichkeit versucht ihr Gehirn gerade, all diese Eindrücke zu verarbeiten.


Kann ein Baby Aufmerksamkeit erzwingen?


Nein.

Manipulation setzt voraus, dass jemand vorausdenken, planen und das Verhalten anderer gezielt beeinflussen kann.

Diese Fähigkeiten entwickeln sich erst viele Jahre später.

Ein wenige Wochen oder Monate altes Baby besitzt diese neurologischen Voraussetzungen schlicht nicht.

Wenn es weint, sendet es ein biologisches Notsignal.

Nicht mehr.

Und nicht weniger.


Was passiert, wenn Eltern zuverlässig reagieren?


Viele Eltern befürchten:

"Wenn ich immer hingehe, wird mein Baby nie selbstständig."

Die Forschung zeigt genau das Gegenteil.

Kinder entwickeln Selbstregulation nicht durch Alleinsein, sondern dadurch, dass sie immer wieder erlebt haben:

"Wenn ich Hilfe brauche, kommt jemand."

Aus vielen hundert oder sogar tausenden solcher Erfahrungen entsteht nach und nach innere Sicherheit.

Und genau diese Sicherheit bildet später die Grundlage dafür, Gefühle irgendwann selbst regulieren zu können.

Selbstständigkeit wächst also aus Geborgenheit.

Nicht aus Überforderung.


Was bedeutet das im Alltag?


Manchmal hilft bereits eine kleine Veränderung im Blickwinkel.

Anstatt zu fragen:

"Wie bekomme ich mein Baby dazu, nicht mehr zu weinen?"

kannst Du Dich fragen:

"Was versucht mein Baby mir gerade mitzuteilen?"

Dieser Perspektivwechsel verändert oft den gesamten Umgang miteinander.

Nicht jedes Weinen lässt sich sofort beenden.

Aber jedes Weinen verdient eine Antwort.


Und was ist mit Schreibabys?


Manche Babys haben ein besonders empfindliches Nervensystem.

Sie reagieren intensiver auf Reize, finden schwer in den Schlaf, lassen sich nur schwer beruhigen oder weinen über viele Stunden hinweg.

Gerade diese Familien hören häufig gut gemeinte Ratschläge wie:

  • "Lass ihn mal schreien."

  • "Der muss lernen, sich selbst zu beruhigen."

  • "Du trägst ihn zu viel."

Doch genau diese Babys brauchen häufig noch mehr Co-Regulation, nicht weniger.

Sie benötigen Erwachsene, die ihre Signale verstehen und gemeinsam mit ihnen Wege finden, das Nervensystem Schritt für Schritt zu entlasten.

Dabei geht es nicht darum, jede Minute perfekt zu reagieren.

Es geht darum, das Kind immer wieder aufzufangen und ihm zu zeigen:

"Du bist mit Deinen Gefühlen nicht allein."


Fazit


Babys schreien nicht, um ihre Eltern zu manipulieren.

Sie schreien, weil ihr Gehirn und ihr Nervensystem noch nicht in der Lage sind, Stress alleine zu bewältigen.

Jedes Mal, wenn Du Dein Baby tröstest, auf den Arm nimmst oder einfach ruhig bei ihm bleibst, hilfst Du seinem Gehirn dabei, wichtige Verbindungen aufzubauen.

Du verwöhnst Dein Baby nicht.

Du unterstützt seine Entwicklung.

Und genau daraus entsteht später das, was sich alle Eltern wünschen:

Ein Kind, das sich sicher fühlt, Vertrauen entwickelt und eines Tages seine Gefühle selbst regulieren kann.


Du hast das Gefühl, Dein Baby findet nur schwer zur Ruhe?


Wenn Dein Baby sehr viel weint, nur mit Körperkontakt schläft, sich schwer beruhigen lässt oder Dich die Situation zunehmend belastet, musst Du damit nicht allein bleiben.

In meiner Schreibaby- und Familienberatung schauen wir gemeinsam darauf, was hinter dem Verhalten Deines Babys steckt, wie Du sein Nervensystem besser unterstützen kannst und welche kleinen Veränderungen im Alltag oft schon eine große Entlastung bringen – für Dein Baby und für Dich.

Denn manchmal braucht nicht das Baby mehr Disziplin – sondern die Familie mehr Verständnis für das, was im kleinen Gehirn gerade passiert.


Passend zum nächsten Teil der Blogreihe


Im nächsten Artikel geht es um eine der häufigsten Fragen junger Eltern:

"Muss mein Baby wirklich lernen, alleine zu schlafen?"

Wir schauen uns an, wie sich Schlaf im ersten Lebensjahr entwickelt, warum häufiges Aufwachen biologisch sinnvoll ist und weshalb Schlaf kein Trainingsprozess, sondern ein Reifungsprozess des Gehirns ist.




 
 
 

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